Rohstofffirmen bilden keine Lehrlinge aus, TA vom 3. Mai, S. 9

von hedingenhandelt

Lehrlinge Würden die internationalen Konzerne mehr Nachwuchs ausbilden, bräuchte es weniger ausländische Fachkräfte. Von Michael Soukup

Schlecht integrierte Konzerne

530 Mitarbeiter arbeiten beim Rohstoffhändler Glencore in Baar – darunter kein einziger Lehrling. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Economiesuisse, der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, macht seit geraumer Zeit keine gute Falle. Verbandspräsident Rudolf Wehrli sorgte im April als Verwaltungsratspräsident von Clariant für negative Schlagzeilen. Der Grund: Der Chemiekonzern mit 1035 Mitarbeitern bildet keinen einzigen Lehrling aus. Gleichzeitig kämpft Economiesuisse für eine praktisch uneingeschränkte Einwanderung aus der EU.

Als der Bundesrat letzte Woche die Ventilklausel anrief, bedauerte dies Economiesuisse: «In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und bei anhaltendem Fachkräftemangel sind die Unternehmen auf einen offenen Arbeitsmarkt angewiesen und müssen nun mit Rekrutierungsschwierigkeiten rechnen.» In einem Nachsatz wurde indessen beteuert, «dass das Unbehagen in weiten Teilen der Bevölkerung gegenüber der Personenfreizügigkeit nicht ignoriert werden darf.»

Man fragt sich, ist der Verband begriffsstutzig oder einfach nur heuchlerisch? Wenn die hohe Zuwanderung deutscher Ärzte, polnischer Krankenschwestern, britischer Rohstoffhändler und französischer Chemiker wenigstens stabilisiert werden soll, muss die Wirtschaft, aber auch der Staat damit beginnen, endlich mehr eigene Fachkräfte auszubilden. Das kostet Geld, was im Widerspruch zur Gewinnmaximierung, einer tiefen Staatsquote und somit zu den Idealen von Economiesuisse steht.

100 Rohstoffhändler, 1 Lehrling

Ein Beispiel: Von den 100 grössten Zentralschweizer Arbeitgebern bilden bloss drei Firmen keine Lehrlinge aus – darunter Glencore. Einer der weltgrössten Rohstoffhändler beschäftigt am Hauptsitz in Baar 530 Mitarbeiter – etwa gleich viel wie die CS in der Zentralschweiz oder das Kantonsspital Uri. Doch die Bank und das Spital bilden 75 respektive 85 Lehrlinge aus. Man könnte die These aufstellen: Je mehr sich eine Firma um den Gewinn und je weniger um ihr Image kümmert, desto eher vernachlässigt sie das Lehrlingswesen.

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr duales Ausbildungssystem – und die tiefe Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich. Beides hängt zusammen. Wenn sich die international tätigen Konzerne in unserem Land darum foutieren, ist das problematisch. Nicht zuletzt wegen der Signalwirkung für andere Firmen.

Ein Indikator für ein gut integriertes Unternehmen ist die Zahl der Lehrlinge. Zug ist mit seinen rund 100 Handelshäusern eine der wichtigsten Rohstoff-Drehscheiben weltweit. Aber nur ein einziger Rohstoffhändler bildet einen einzigen Lehrling aus: die Kolmar Group. Kaum besser sieht es in den Zentralen von Amgen und Biogen Idec aus. Die grösste und drittgrösste Biotechnologiefirma der Welt beschäftigen in Zug über 500 Mitarbeiter, ihre Lehrlinge lassen sich an einem Finger abzählen.

Der Luzerner CVP-Nationalrat Ruedi Lustenberger hat eine parlamentarische Initiative eingereicht, welche fordert: Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge soll die Ausbildung von Lehrlingen einem Unternehmen positiv angerechnet werden. Das hätte zwar keine grossen Auswirkungen für international tätige Konzerne, aber es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung – auch wenn der Arbeitgeberverband von «falschen Anreizen» spricht.

Lustenberger hat seine Initiative übrigens am 20. Juni 2003 eingereicht. Seither wurde sie durch Fristenverlängerungen torpediert. Oder sind auch die Bundespolitiker begriffsstutzig oder heuchlerisch?

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