„Hedingen ist der Zeit voraus“, Artikel im Work (UNIA-Zeitung) vom 19. September 2013

von hedingenhandelt

In Hedingen ZH will ein Bürgerkomitee Steuergelder des Zuger Rohstoffmultis Glencore spenden. Das Geld soll an jene gehen, die unter Glencores Geschäftspraktiken leiden. Von Marco Geissbühler (Foto: Michael Schoch) – 19.09.2013

Auf halber Strecke zwischen Zürich und Zug liegt das 3500-Seelen-Dorf Hedingen. Die Anfahrt per S-Bahn führt vorbei an Feldern und Bauernhöfen. Am Bahnhofshäuschen hängen Geranien. Wo früher der Bahnhofsvorstand Billetts verkaufte, können sich heute die Pendler im «Kafi zügig» mit ihrer morgendlichen Dosis Koffein eindecken. Die Scheunen im Dorfkern sind längst zu Wohnhäusern umfunktioniert worden. Eine gutbürgerliche Gegend: Bei den Wahlen erhält die SVP jeweils über 30 Prozent Stimmen. Drei von fünf im Gemeinderat sind FDPler.
Und ausgerechnet hier will ein Bürgerkomitee einen kleinen Ausgleich schaffen zum brutalen Rohstoffgeschäft, das der Zuger Multi Glencore in Afrika und Südamerika betreibt. Am kongolesischen Luilu-Fluss zum Beispiel steht eine Kupferaufbereitungsanlage von Glencore. Oberhalb der Fabrik fischen die Menschen im Fluss oder bewässern mit dem Wasser ihre Felder. Unterhalb der Fabrik ist der Fluss mit Schwefelsäure verseucht. Die betroffenen Dorfgemeinschaften warten bis heute auf eine Entschädigung von Glencore.
Lehrer Peter Lanzendörfer ist Mitglied des Komitees «Hedingen handelt solidarisch». Er erklärt: «Wir wollen den Menschen helfen, die an den Folgen des Rohstoffabbaus leiden. Wir wollen ihnen Steuergelder von Glencore spenden.»
In Rüschlikon ZH wohnt Glencore-Konzernchef und Hauptaktionär Ivan Glasenberg in seiner Villa. Geschätztes Vermögen: 5,5 Milliarden Franken. 2012 bezahlte der gebürtige Südafrikaner 360 Millionen Franken Steuern, als der Börsengang von Glencore den Wert seines Aktienpakets gigantisch in die Höhe schnellen liess. Knapp die Hälfte dieser Glasenberg-Millionen floss über den kantonalen Finanzausgleich in 139 Gemeinden des Kantons Zürich. Rund eine Million landete in Hedingen. 110 000 Franken davon will die Gruppe solidarischer Hedinger nun spenden. Für Entwicklungsprojekte in Kongo etwa.

DER ZEIT VORAUS
Hedingen ist seiner Zeit gerne voraus. Das zeigt sich auch an der Kirchenuhr. Sie geht drei Minuten vor. Wegen eines früheren Dorfpfarrers, erzählt die Legende. Notorisch unpünktlich sei der gewesen. Immer habe er den Zug verpasst. Also hat er eines Tages kurzerhand die Kirchenuhr vorgestellt.
Es ist 15 Uhr an einem Mittwochnachmittag. Beziehungsweise drei vor drei. Bei Lehrer Lanzendörfer zu Hause schmückt ein Steinway-Flügel die gute Stube. Wenn der Sekundarlehrer nicht gerade Bürgerinitiativen gegen Rohstoffriesen lanciert, leitet er den örtlichen Gesangsverein. Zu Besuch bei Lanzendörfer ist heute auch Lehrerkollege Mauro Gorgi. Auch er ist bei der Solidaritätsidee dabei. Es gibt Kaffee und Kuchen.
Die beiden freuen sich, denn ihr Anliegen fand an der Juni-Gemeindeversammlung eine Mehrheit. Mit 173 zu 91 Stimmen. Doch dann verlangte die überstimmte Minderheit eine Urnenabstimmung. Am 22. September stimmen sie in Hedingen jetzt über Lanzendörfers und Gorgis Solidaritätsinitiative ab. Zum ersten Mal kann die Bevölkerung einer Gemeinde direkt beeinflussen, was mit dem Glasenberg-Geld passieren soll.
Lanzendörfer sagt: «Das Rohstoff-Business ist derart widerlich, das sehen viele Leute.» Es sei wie bei der Abzocker-Initiative: «Da ist einfach eine Grenze der Masslosigkeit überschritten.» Da müsse man einfach etwas machen.
Und Mauro Gorgi hofft: «Wenn unsere Initiative durchkommt, ist das auch ein Wink an Kanton und Bund. Sie dürfen die Rohstofffirmen nicht mehr so machen lassen.» Die Schweiz habe eine Verantwortung gegenüber dem Rest der Welt.
Deshalb, so Lanzendörfer, wollten sie auch nur 110 000 Franken spenden und nicht gleich die ganze Million: «Wir möchten unbedingt durchkommen.»
Im vergangenen Dezember stellte der ehemalige Schulpflegepräsident an der Budget-Gemeindeversammlung nämlich den Antrag, das ganze Glasenberg- Geld zu spenden. Er scheiterte mit 30 zu 48 Stimmen. Das wollen Gorgi und Lanzendörfer nicht noch einmal riskieren.

SONNE ÜBER HEDINGEN
Ein wenig oberhalb des Bahnhofs, in einem umfunktionierten Schulhaus, befindet sich das Gemeindehaus. Hier waltet Paul Schneiter, der erste sozialdemokratische Gemeindepräsident im ganzen Säuliamt. Er muss das Nein der Gemeinde zur Spendeninitiative vertreten.
Ist die Gemeinde Hedingen in Finanznot, dass sie kein Geld spenden will? Schneiter winkt ab: «Wir haben gesunde Finanzen. Wir versuchen im Moment sogar, Vermögen abzubauen.» Deshalb sei die Gemeinde runter mit dem Steuerfuss.
Das Nein habe politische Gründe: «Wir können zu wenig kontrollieren, was mit dem gespendeten Geld passiert. » Es handle sich zudem um ganz normale Steuereinnahmen.
Vom Gemeindehaus den Hang hinab Richtung Bahnhof steht die Ernst Schweizer AG. Die Firmenanlage liegt halb versteckt hinter Gartenbeeten mit bedrohten Pflanzen. Hier bauen rund 450 Angestellte Sonnenkollektoren.
Auch im Energiebereich ist Hedingen der Zeit voraus: In keiner Gemeinde der Schweiz gibt es mehr Sonnenkollektoren pro Kopf als hier. Annähernd einen Quadratmeter. Das ist unter anderem das Verdienst von Hans Ruedi Schweizer, dem Patron der Ernst Schweizer AG. Er ist nicht nur der grösste Arbeitgeber im Dorf. Seine Firma ist auch eine der grössten Lieferantinnen von Sonnenenergiesystemen in der Schweiz.
Patron Schweizer und seine Frau Johanna Lütolf sind beide für die Solidaritätsinitiative. Lütolf ist sogar Mitbegründerin des Initiativkomitees. Nach über einem halben Jahr Engagement fiebert sie nun der Abstimmung entgegen: «Ein Ja wäre phantastisch! Ein klares Zeichen, dass sich immer mehr Menschen bewusst werden, woher die Rohstoffkonzerne ihr Geld haben.»
Und Hans Ruedi Schweizer findet: «Nachhaltigkeit ist mein Leben. Da ist es für mich nur logisch, mit meiner Person dafür einzustehen.» Schliesslich müssten auch seine Zulieferer belegen, dass sie möglichst sozial und ökologisch gewonnene Materialien verarbeiteten. Schweizer: «Bei unseren Aluminium- Pressprofilen beträgt der Recycling-Anteil heute schon 80 Prozent.»

BORTOLUZZI POLARISIERT
Hedingen steht nicht alleine da. Im Säuliamt ist eine kleine Bewegung für eine faire Rückverteilung der Glencore-Gelder entstanden. In Kappel, Hausen und Obfelden haben engagierte Bürgerinnen und Bürger mittlerweile gleiche Initiativen eingereicht. In Affoltern ist eine in Vorbereitung.
Kein Wunder, mischen sich nun auch «Auswärtige» in den Abstimmungskampf ein. Zum Beispiel Toni Bortoluzzi. Der SVP-Nationalrat und Schreinermeister lebt in Hedingens Nachbargemeinde Affoltern. Und er ist ein dezidierter Gegner der Solidaritätsidee. In einem Leserbrief im «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltem» polemisierte er gegen das «Gutmenschen-Virus». Es befalle Menschen mit dem «unbändigen Willen, Gutes zu tun». Oftmals seien diese weiblich («eine Sie»), «überdurchschnittlich gut entlöhnt», und sie könnten deshalb «ein unbeschwertes Leben führen».
Vor einem Riegelhaus wischt eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren die Zufahrt zur Scheune. Der Kirchturm schlägt drei vor fünf. Sie sei alleinerziehende Mutter, arbeite in einem Bürojob, sagt sie. Angesprochen auf die Spendeninitiative, meint sie, für sie laufe auch nicht alles rosig. Doch: «Ich würde gleich die ganze Million spenden!» Trotz allem: «Wir haben es immer noch viel besser als die Menschen in Afrika.»

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