Artikel im österreichischen Standard: „Warum ein Schweizer Dorf Steuergeld nicht will“

von hedingenhandelt

Warum ein Schweizer Dorf Steuergeld nicht will

3. Oktober 2013, 05:30
  • Manche Schweizer halten nicht nur die Tradition hoch, sondern auch die Moral.
    foto: epa/klaunzer

    Manche Schweizer halten nicht nur die Tradition hoch, sondern auch die Moral.

Rüschlikons prominentester Bürger, Rohstoffmilliardär Glasenberg, bescherte seiner Gemeinde fette Einkünfte, nicht alle Schweizer wollen dieses Geld

Hedingen hat entschieden. Auf Rohstoffmillionen will die kleine Schweizer Gemeinde ihren Wohlstand nicht aufbauen. Verdankt hätte die dreieinhalb tausend Einwohner zählende Gemeinde den Geldsegen den Nachbarn, und das kam so: Vor einem Weilchen erhielt die nicht weit entfernt gelegene Gemeinde Rüschlikon ihren heute wohl prominentesten Zuzug. Ivan Glasenberg hat sich schon im Jahr 1994 in der kleinen Gemeinde am Zürichsee niedergelassen. Schön in Ruhe und abseits des Rampenlichts. Der Glencore-CEO bescherte seiner Gemeinde fette Steuereinkünfte und trägt damit rund zwei Drittel zum Steueraufkommen seines Wohnorts bei.

Glencore, ein Rohstoffkonzern, hat einige seiner Manager reich gemacht. Nicht nur Ivan Glasenberg. Als der Konzern 2011 an die Börse ging, strich Glasenberg laut Medienberichten rund fünf Milliarden Schweizer Franken ein. Auch dem kleinen Rüschlikon hat der Börsengang einen wahren Geldsegen gebracht. „Rüschlikon, das Dorf der Superreichen“, titelte die „Financial Times Deutschland“ damals. Denn Glasenberg ist nicht der einzige Reiche unter den 5.200 Einwohnern des Ortes. In der Postkartenidylle wohnen laut „Spiegel“ etliche Manager, Banker und sogar ein griechischer Reeder. Für die Gemeinde sprudelten die Einnahmen ganz besonders. 50 bis 60 Millionen Franken mehr als sonst flossen 2011 in die Gemeindekasse. So üppig fiel der Geldregen aus, dass die schon vorher nicht arme Gemeinde ihre Bürger an dem Geldsegen beteiligen konnte.

Geldsegen für die Ärmeren

Die Steuern wurden für alle Einwohner um sieben Prozent gesenkt. Weil in der Schweiz laut innerkantonalem Finanzausgleich reiche Gemeinden ärmeren unter die Arme greifen, fließt der Geldsegen im Endeffekt klammen Kommunen zu. Die können damit öffentliche Einrichtungen weiterbetreiben, die sie sonst wegen Geldmangels schließen müssten. Hier kommt Hedingen ins Spiel. Wie gesagt: ein Ort, gar nicht weit entfernt von Rüschlikon. Auch in Hedingens Gemeindekasse flossen rund eine Million Franken aus den Glencore-Steuern. Allein, die Hedinger wollten sie nicht unwidersprochen.

Unter dem Namen „Rohstoffmillionen – Hedingen handelt solidarisch“ bildete sich eine Initiative, die im Juni im Gemeinderat mit dem Vorstoß erfolgreich war, mit Glencore-Geldern Hilfsprojekte zu unterstützen. Dass nicht alle in der Gemeinde von so viel Altruismus begeistert waren, versteht sich von selbst. Immerhin ist im dreieinhalb tausend Köpfe zählenden Ort die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei mit rund einem Drittel der Stimmen stärkste politische Kraft. Die unterlegene Seite beantragte deswegen, alle Bürger Hedingens zur Stimmabgabe zu bitten.

Die Frage, die es zu klären galt: Wofür sollte ein Teil der Steuereinnahmen ausgegeben werden – genau genommen ging es um die Summe von 110.000 Franken. Das Votum der Hedinger fiel recht eindeutig aus: Mit 764 zu 662 Stimmen wurde entschieden, dieses Geld Schweizer Hilfswerken in Afrika und Lateinamerika zu spenden. Laut der Initiative „ein Zeichen der Solidarität zugunsten jener Menschen, die durch den Rohstoffabbau zu Schaden kommen“. Die Initiative zeitigt Folgen. Im Bezirk sind weitere ähnliche Aktionen geplant. (rebu, derStandard,at, 3.10.2013)

Quelle: http://derstandard.at/1379292711275/Warum-ein-Schweizer-Dorf-Steuergeld-nicht-will

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