Jean Ziegler zur Initiative im „work“ vom 3. Oktober 2013: „Hedingen, das leutchtende Beispiel“

von hedingenhandelt

Ernesto Che Guevara schreibt: «Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse.» Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Die Bürgerinnen und Bürger der Zürcher Gemeinde Hedingen machen es vor. Ein Bürgerkomitee will dort einen Teil der vom Minengiganten Glencore bezahlten Steuern an die fernen Opfer ebendieses Giganten zahlen. Der Hintergrund: In Rüschlikon am Zürichsee residiert Ivan Glasenberg, der oberste Chef und Hauptaktionär des weltweit grössten Minenkonzerns. Dank dem Finanzausgleich unter den Zürcher Gemeinden erhält Hedingen eine Million von den Steuern, die Multimilliardär Glasenberg in Rüschlikon zahlt. Von dieser Million will die Gemeinde 110 000 Franken an eine bitterarme Dorfbevölkerung am Fluss Luilu in Ostkongo überweisen.

TOD AM LUILU. Die Lage dort ist trübe: Glencore unterhält am Fluss eine Kupferraffinerie. Diese verseucht mit lebensgefährlichen Giftstoffen das Wasser.
Am Luilu leben die Menschen von der Fischerei. Sie trinken das Wasser aus dem Fluss, waschen sich damit, bewässern ihre Gärten – und werden krank. Wie überall auf der Welt, wo Glencore die Natur zerstört und die Menschen gefährdet, versprach der Grosskonzern auch den Anwohnerinnen und Anwohnern des Luilu Reparationen und Schadenersatz. Und wie in den meisten Fällen zahlte er auch hier bis heute nichts.
Vor kurzem war ich auf Uno-Mission in Ostkongo. Dort herrschen kanadische, belgische, französische und schweizerische Minenkonzerne. Sie erkaufen sich, meist durch Korruption, riesige Territorialkonzessionen und beuten Kupfer, Uran, Coltan, Magnesium, Nickel, Diamanten oder Gold aus. Die Beute wird per Eisenbahn zu den angolanischen Atlantikhäfen gebracht. Oder in Lastwagenkolonnen über die Hügel von Ruanda und durch das kenianische Hochland nach Mombasa am Indischen Ozean gefahren. Und von dort durch den Suezkanal nach Europa verfrachtet. Ausbeutungsgebühren und Ausfuhrzölle an den kongolesischen Staat werden nur in seltenen Fällen bezahlt. Jeder Konzern hat seine eigene mehr oder weniger mörderische Miliz zum Schutz seiner Pfründe. In Kongo sind laut Uno in den letzten fünfzehn Jahren sechs Millionen Menschen an Epidemien gestorben oder verhungert.

DIE ANDERE SCHWEIZ. In dieser düsteren Welt des Massenmordes und der Konzernwillkür ist die Initiative der Bürgerinnen und Bürger von Hedingen ein leuchtendes Beispiel der Humanität. Die Gemeinde beweist, dass es jenseits der Banken- und Konzern-Schweiz mit ihrer grenzenlosen Profitgier und ihrem Mensch und Natur verwüstenden Zynismus noch eine andere, lebendige Schweiz gibt: jene der mitfühlenden, souveränen, solidarischen Bürgerinnen und Bürger.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Wir lassen sie verhungern», ist im September 2012 auf deutsch erschienen.

work, 3.10.2013

 
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